Heiße Rettungsübung namens „Eisbär“

Feuerwehren, Rettungsdienst, BRK  Bereitschaft, Notärzte, THW, Polizei, Notfallmanager DB sowie das Krankenhaus Landsberg – an der in Windach initiierten XXL-Übung im November nahmen rund 200 Personen teil

Es war eine ungemütliche kalte Winternacht, die in den Bergen erste Schneeflocken brachte: Der 8.November wird vielen ehrenamtlichen Helfern aus Windach sowie umliegenden Gemeinden noch lange in Erinnerung bleiben. Als nämlich um 18.50 Uhr bei der Notfallleitstelle der Deutschen Bahn der erste Notruf einging, war dies der Startschuss für eine ganz außergewöhnliche Übung der Hilfsorganisationen!

Das Szenario: An der Bahnbrücke bei St. Ottilien sind zwei PKWs wegen überhöhter Geschwindigkeit vor der Bahnbrücke von der Fahrbahn abgekommen und auf die tiefer gelegenen Gleise gerutscht. Der sich auf der Strecke befindliche Zug kann nicht mehr rechtzeitig bremsen und rammt die Fahrzeuge. Mehrere zum Teil schwer verletzte Personen müssen gerettet, zwei Tote geborgen werden.

Unfallszenario: nach einer Idee aus Windach

„Wer denkt sich denn so was aus?“, möchte man da fragen – wohl wissend, dass die Wirklichkeit unsere Vorstellungen meist noch überbieten kann. Die Übung mit der außergewöhnlich dramatischen Szenerie in St. Ottilien und der seltenen Kombination der verschiedensten Rettungssituationen hatte einer, der sich dort auskennt: Maximilian Graf, Landwirtschaftsmeister und Leiter des Feldbaus in St. Ottilien, gleichzeitig auch seit 2024 Zugführer bei der Windacher Feuerwehr, der er schon seit 15 angehört. Sowie Mitglied in der Feuerwehr Eresing, zu der auch St. Ottilien gehört. Das Bahngelände bei St.Ottilien schien ihm geeignet für die Darstellung einer Unfallszene, die Bahn und Straßenverkehr einschließt. Vereinfacht wurde die Planung durch die Tatsache, dass sich die betreffende Strecke derzeit in Bau befindet und per Schienenersatzverkehr bedient wird. So konnte die Übung nach Beendigung des Baustellenschienenverkehrs am Abend geplant werden. Bei mit dem Projekt von Beginn an mit im „Boot“: sein Bruder Andreas Graf, der als Zugführer der Feuerwehr Windach, ehrenamtlicher und nebenberuflicher Rettungssanitäter Kompetenzen aus dem Sanitätsbereich mit einbringen konnte.

Planung der Übung in Rekordzeit

Wie Maximilian Graf berichtet, stimmte die Deutsche Bahn schon bei der ersten Kontaktaufnahme der Planung der Übung zu! Auch alle weiteren Beteiligten waren gleich mit „im Boot“. Somit konnte das Projekt mit dem Codewort „Eisbär“ für den Realeinsatz am Übungsgeschehen gestartet und in Rekordzeit organisiert werden. Von August bis November 2024 liefen die Vorbereitungen unter der Ägide der für St. Ottilien zuständigen Feuerwehr Eresing und dem Übungsleiter-Team Stefan Nadler (Feuerwehr Eresing), Maximilian Graf (Feuerwehr Eresing und Windach), Dr. Wolfgang Weisensee (Rettungsdienst, Leitender Notarzt im Landkreis Landsberg), Thorsten Müller (Rettungsdienst, Organisatorischer Leiter im Landkreis Landsberg) und Andreas Graf (Rettungsdienst).

Mit dabei: die Feuerwehren Eresing, Geltendorf, Pflaumdorf, Windach, Kaufering, Schondorf und die Kreisbrandinspektion Landsberg am Lech mit 18 Fahrzeugen, Technisches Hilfswerk Landsberg am Lech, Notärzte, Rettungsdienste, Rettungswägen aus dem Landkreis mit rund 20 Fahrzeugen. Der Rettungsdienst wurde durch ehrenamtliche Mitglieder der Bereitschaft Landsberg gestellt, sowie den Auszubildenen vom BRK Landsberg. Die Notärzte waren von den Notarztstandorten im Landkreis Landsberg am Lech und von den umliegenden Landkreisen mit dabei. Insgesamt waren rund 200 Personen vor Ort. Die Szenerie wurde minutiös geplant und die erforderlichen Helfer bzw. Gerätschaften organisiert. Dabei lief alles top-secret. Nur die jeweiligen Kommandeure wussten Bescheid, alle Teams – aus Windach waren zum Beispiel allein 22 Leute dabei – wurden wie im echten Einsatz erst über ihre Piepser (Pager) informiert, die sie als ehrenamtliche Helfer immer am Gürtel tragen.

Anspruchsvolle Aufgaben und höchste Anspannung

Der Start am 8. November läuft super: Der erste Notruf erfolgt bei Dunkelheit um 18.52 Uhr (Deutsche Bahn – Leitstelle Fürstenfeldbruck – Feuerwehren – Rettungsdienst), bereits um 19.01 Uhr sind die erste Feuerwehr und der Rettungsdienst vor Ort. Obwohl alle wissen, dass es sich um eine Übung handelt, fühlt sich alles wie echt an und die Anspannung steigt – so berichtet Maxi Graf – auf ein Höchstmaß. Was auch so sein muss, schließlich soll genau das, nämlich die Zusammenarbeit und Funktionsfähigkeit der Teams unter höchstem Stress, trainiert werden. Erste anspruchsvolle Aufgabe: Der Einsatzleiter, in diesem Fall der 1. Kommandant der Feuerwehr Eresing, Matthias Reiter, macht sich ein Bild der Lage, teilt den Einsatz in Abschnitte ein und benennt die Abschnittsleiter. Dabei wird er unterstützt durch Funktechnik, Dokumentation, Lageskizzen. Licht installieren, Verletzte und die Schwere der Verletzungen bzw. Tote registrieren, Gefahren erkennen, Unfallstelle sichern – hier müssen Kommunikation und Koordination perfekt funktionieren, die Arbeit der Teams Hand in Hand gehen.

Chaosphase so gering wie möglich halten

„Ziel ist es, die Chaosphase so gering wie möglich zu halten“, erläutert Maxi Graf. Nach 20 Minuten sollte der Rettungsplan stehen und die Abschnittsleiter eingeteilt sein. Dabei berät z.B. auch das THW den Einsatzleiter, um dann die entsprechenden weiteren Helfer bzw. Geräte anzufordern. Bei der großen Novemberübung mussten alle Maßnahmen auf extrem schwer zugänglichem Gelände geleistet werden, das bedeutet: Zuerst galt es, die schwere Technik in die tiefer gelegene Unfallstelle reinzubringen, dann die Verletzten rauszubringen. Der Einsatz eines Hubschraubers, so sah es die Planung am 8.11.24 vor, war wegen „Nebel“ nicht möglich. Nachdem die vier in den Fahrzeugen eingeklemmten und schwer verletzten Personen durch die Feuerwehr befreit werden konnten, wurden diese vom Rettungsdienst versorgt, anschließend hievten die Helfer sie mit Hilfe einer Drehleiter und Schleifkorbtrage aus sechs Meter Tiefe nach oben.

Versorgung der Verletzten im Klinikum Landsberg

Sofort ging es mit Rettungswagen und Notarzt ab ins Klinikum Landsberg. Hier wurde mit einem Schockraumteam real weitergeübt.  Unter der Leitung von Dr. Martin Heinz, dem Chefarzt der Orthopädie, versorgte man die „Verletzten“ professionell. Diese ließen im Übrigen keine Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Sache: Es waren selbst Rettungskräfte und Personen vom Jugendrotkreuz Landsberg, die nicht nur geschminkt, sondern auch in ihrem Verhalten so geschult werden, dass sie die Situation perfekt simulieren. Die nicht lebensbedrohlich und leicht verletzten Personen aus dem Zug mussten bei dieser Übung nicht in die Klinik gebracht werden, sondern wurden von den Rettungskräften zum Bahnhof geleitet und dort versorgt. Zuletzt ging es noch darum, die unter den Zug gekommenen und tödlich verletzte Menschen zu bergen. Ebenso traurige wie verständliche Tatsache: Solche im Einsatzplan schwarz (für tot) markierte Personen werden zuletzt geborgen, erste Priorität hat die Rettung der rot markierten, schwer bis lebensgefährlich verletzten Patienten.

Eisbär brachte Grenzerfahrungen

Bis die Übung mit dem Codewort „Eisbär“ abgeschlossen werden konnte, war es 22 Uhr geworden. Bei der abschließenden Nachbesprechung zehn Tage später bei einer Brotzeit im Klinikum Landsberg am Lech war man sich einig: Diese große Übung hatte ihren Zweck mehr als erfüllt! Nämlich das Erleben von (fast) echten Grenzsituationen für Mensch und Technik, das Aufzeigen von Mängeln in Sachen Koordination und Kommunikation, aber auch die großen Werte des Miteinanders und die Hinweise auf Möglichkeiten für Verbesserungen in der Zukunft. Je besser die Netzwerke der Helfer funktionieren, desto größer die Chancen für verunfallte und verletzte Personen, so gut wie nur möglich versorgt zu werden.

Petra Bäuerle