Tierwohlpreis für den Kaindl-Hof

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  Über einen Vorzeige-Stall in Schöffelding und das regionale Miteinander der „jungen Wilden“ aus hiesigen Familienbetrieben

Neugierig kommen die Kälber ans Gatter und lassen sich die Stirn kraulen! Viele Spaziergänger haben am Ortsrand von Schöffelding schon entdeckt, was dem Bayerischen Landwirtschaftsministerium preiswürdig erscheint: den neuen Kälberstall der Familie Kaindl. Hier dürfen sich die Tiere – eingeteilt in verschiedene Gruppen – altersgerecht entwickeln. Für die ganz Kleinen gibt es einen Auslauf direkt am Stall, der nach Lust und Laune genutzt werden kann, die größeren Tiere haben freien Zugang zur rund drei Hektar großen Weide hinter dem Gebäude. Peter Kaindl Junior, Landwirt in 5.Generation, freut sich über eine top-aktuelle Auszeichnung: Am 4. August wird er mit dem 2. Platz beim „Bayerischen Tierwohlpreis für landwirtschaftliche Nutztierhalter“ für sein Engagement belohnt. Dieser wird seit 2014 für praxisgerechte Lösungen und innovative Ideen zur Verbesserung der Tierhaltung verliehen.

Auch männliche Kälber dürfen hier groß werden

In diesem neuen Offenstall für Kälber und Jungvieh darf auch der männliche Nachwuchs groß werden. Was auf einem Milchviehbetrieb nicht selbstverständlich ist, denn die männlichen Kälber werden in der Regel an spezialisierte Mastbe-

 

 

 

 

 

Peter Kaindl (rechts) und Martin Neugebauer im neuen Kälberstall

triebe abgegeben. Dass Peter Kaindl einen anderen Weg gehen kann, hat mit einem Netzwerk zu tun, das in Windach und Umgebung perfekt zu funktionieren scheint. Ein Verdienst auch der Windacher Metzgerei Schreyegg, die schon immer auf regionale Herkunft ihrer Produkte Wert gelegt hat. Martin Neugebauer, ebenfalls die 5. Generation des traditionsreichen Handwerksbetriebes, hat sich mit Peter Kaindl zusammengetan: zwei „junge Wilde“ in Sachen Tierwohl und Regionalität, die ihren Weg konsequent gehen. Martin Neugebauer hat sich entschlossen, einen Teil der männlichen Kälber als Weideochsen zu veredeln. Sie werden mindestens 20 Monate alt, können zwei Sommer auf der Weide verbringen und gehen auch ihren letzten Weg ohne Angst und Stress. Was wiederum der Qualität des Fleisches zugute kommt. „Viele Kunden nehmen einige Fahrtkilometer auf sich, um bei uns regionale Fleisch- und Wurstwaren einzukaufen“, so Martin Neugebauer, der rund 40 Prozent seines Rindfleisches vom Kaindlhof aus Schöffelding bezieht. Weitere Rinder kommen von der Familie Gläserke aus Entraching und von der Familie Schuster aus Eresing. Schweinfleisch wird von Johann Zimmermann aus Langwied bezogen, Lammfleisch von Wilfried Widmann aus Dürrhansl. Nicht zu vergessen die Zusammenarbeit mit Martin Wörishofer und Charlotte Cressy von der Windacher Bio-Gemüserei Hand und Erde, deren Kräuter die Wurstwaren geschmacklich abrunden. Auch die Initiativen und Aktivitäten von Martin Neugebauer wurden mit Preisen belohnt. Die jüngste Auszeichnung beim Metzger Cup 2021 gab es in der Kategorie BBQ & Grill für die Dry Aged Rib Eye vom Weiderind.

Junge Männer mit Initiative und Ideen

Martin Neugebauer und Peter Kaindl kennen sich bereits seit der Jugend – vom Fußballspielen in Windach. Und sind jetzt Geschäftspartner geworden – als junge Männer mit viel Initiative und neuen Ideen. Landwirt und Landwirtschaftstechniker Peter Kaindl brachte von einem Aufenthalt in Neuseeland Anregungen und Selbstbewusstsein mit zurück in die Heimat. Er leitet seit 2018 den Hof gemeinsam mit seinen Eltern. Schon Vater Peter Kaindl wurde für die Schaffung eines besonders tierfreundlichen Betriebs ausgezeichnet, als er zum Beispiel 2014 den Kuhstall zu einer „Wellness-Oase“ mit gelenktem Kuhverkehr und vollautomatischem Melksystem ausbaute. Und natürlich sind auch er und seine Frau stolz auf die Auszeichnung für den neuen Kälberstall mit viel Auslauf für die Tiere. Peter Junior hat in Neuseeland erfahren, wie die Kälberhaltung mit viel Licht und Luft die Tiergesundheit fördert… und demonstriert den Effekt jetzt mit Erfolg in Schöffelding! Der Stall bietet den Tieren nicht nur Freigang nach Wunsch, sondern auch viel Raumvolumen, um den Luftaustausch zu gewährleisten – ohne Luftzuggefahr für die empfindlichen Kälber. Die vom Betrieb bewirtschaftete Fläche bietet genug Platz für Weiden und den Anbau von Futtermitteln, zugekauft wird Biertreber aus Kaltenberg, ein Nebenprodukt beim Brauprozess und gleichzeitig ein eiweiß- und energiereiches Futtermittel mit natürlichen Nährstoffen aus dem Malz. So werden die rund 90 Milchkühe, die Kälber und Weideochsen bestens und regional versorgt.

Fressen, ruhen oder auf die Weide? Die Tiere entscheiden selbst …

Wer sich gleich auf den Weg machen will, um die glücklichen Kälber und Jungrinder auf der Weide zu sehen, könnte enttäuscht sein. Denn seit die Tiere selbst entscheiden können, ob sie rein oder raus wollen, haben sie einen eigenen Rhythmus entwickelt, so berichten Peter Kaindl senior und junior übereinstimmend und mit gewissem Erstaunen. „Sie gehen meist in der Früh und am Abend zum Fressen raus und machen es sich dann wieder im Stall gemütlich.“ Tierwohl, wie es die Tiere mögen…

Text: Petra Bäuerle Fotos: Martina Knake, Reiner Lekar