143 – 200 Jahre „Stille Nacht! Heilige Nacht!“

200 Jahre „Stille Nacht! Heilige Nacht!“

(von der Notlösung zum Weltkulturerbe)

Am 24. Dezember 1818 erklang in der Kirche St. Nikolaus der Gemeinde Oberndorf (ca. 15 Km nördlich der Stadt Salzburg) zum ersten Mal das Weihnachtslied „Stille Nacht! Heilige Nacht“. Die Orgel der Kirche war defekt, deshalb bat der Hilfspfarrer Joseph Mohr seinen Freund Franz Xaver Gruber (Lehrer und Organist) ein Gedicht zu vertonen, das er bereits zwei Jahre vorher in Mariapfarr (Salzburg/Lungau) geschrieben hatte. Die Bitte erfolgte morgens am 24. Dezember, am selben Tag konnte während der Christmette unter großem Beifall der Bevölkerung das Lied vorgetragen werden. Mohr sang dabei Tenor und übernahm die Gitarrenbegleitung, Gruber sang den Bass. Nach den Napoleonischen Kriegsjahren folgten für viele Menschen weitere entbehrungsreiche Jahre. Die Oberndorfer Salzachschiffer waren von Armut und Arbeitslosigkeit im Winter besonders hart betroffen. Es gab eine große Sehnsucht nach Frieden und hoffnungsvollen Perspektiven. Das einfache Lied drang direkt in die Herzen der dankbaren Zuhörer. Als Folge der Ergebnisse aus dem Wiener Kongress (1814/15) wurde die Salzach als neue „nasse“ Grenze zwischen dem Königreich Bayern und dem Kaiserreich Österreich definiert. Dabei wurde Oberndorf bereits 1816 von Laufen getrennt und als selbständige Gemeinde Österreich zugeschlagen. 80 Jahre später wird der Ort wegen Feuer- und wiederholter Hochwasserschäden aufgegeben, auch die Kirche St. Nikolaus wird abgerissen. Die Gemeinde wurde salzachaufwärts verlegt, heute ist Oberndorf eine vitale Kleinstadt mit ca. 6000 Einwohnern. Als Erinnerung steht an der Stelle der alten Kirche die 1937 errichtete Stille-Nacht-Kapelle, heute eine Touristenattraktion.

Wie kam unter all den ungünstigen Bedingungen das schlichte Lied aus der kleinen Salzburger Gemeinde in die weite Welt? Der Zillertaler Orgelbauer Karl Mauracher kam 1819 nach Oberndorf zur Orgelreparatur und nahm das Weihnachtslied

mit nach Tirol. Wegen Armut zogen auch aus dem Zillertal im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts Handwerker und Händler in die Nachbarländer, um z.B. Kräutersalben und gamslederne Handschuhe auf den Jahrmärkten zu verkaufen. Dabei traten sie in ihren Trachten auf und lockten die Kunden mit Tiroler Volksliedern, mit im Gepäck hatten sie auch „Stille Nacht!“ Bald gab es „Tiroler Nationalsänger“, die mit großem Erfolg in deutschen Städten für eine schnelle Verbreitung des Weihnachtliedes sorgten. 1832 wurde es von einem Dresdner Verleger erstmalig als „ächtes Tiroler Lied“ gedruckt, 1839/40 sind sogar erste Erfolge aus USA belegt. Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. erkor „Stille Nacht“ zu seinem Lieblingslied. Er ließ 1854 über seine Hofkapelle nach dem Urheber des Liedes forschen, man vermutete in dieser Zeit, dass es ein Werk von Mozart, Haydn oder Beethoven sei. Dem König ist es zu verdanken, dass Dichter und Komponist gefunden wurden. Mohr war bereits 1848 verstorben, Gruber starb erst 1863 und konnte noch zu Lebzeiten den Sachverhalt aufklären und den Erfolg des Liedes miterleben. Über Europa hinaus erfolgte die weltweite Verbreitung des Liedes hauptsächlich durch katholische und protestantische Missionare in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Während des ersten Weltkrieges, am 24. Dezember 1914, wurden an der Westfront von britischen und deutschen Soldaten Kerzen angezündet, die Helme abgelegt und gesungen, auf einer Seite „Stille Nacht! Heilige Nacht!, auf der anderen Seite„Silent Night! Holy Night!“

Heute sind es weltweit zwei Milliarden Menschen, die von Christi Geburt singen, in mehr als 300 Sprachen und Dialekten. Seit 2011 ist das Lied Teil des Immateriellen UNESCO-Weltkulturerbes Österreichs, eines der erfolgreichsten Lieder der Weltgeschichte.

Reinhard Lekar, Windach