144 – 10 Jahre Schlossmarkt – Ein Dorf hilft sich selbst

Wie die Zeit vergeht … Denkt heute noch einer an die aufgeregten Diskussionen im Jahr 2007, als ein Häufchen engagierter Bürger die Initiative ergriff und innerhalb kürzester Zeit über 700 weitere Bürger per Unterschrift zum Ausdruck brachten, dass sie den Lebensmittelladen mitten im Dorf erhalten wollten, statt einen neuen Supermarkt auf der grünen Wiese entstehen zu lassen?

Nun wird der Schloss- markt 10 Jahre alt … und ist ein wichtiger, integraler Bestandteil des Orts. Für viele Windacher ist es das Normalste und Selbstverständlichste, ihre Lebensmittel da zu kaufen, wo sie zuhause sind. Für nicht wenige ist es auch schiere Notwendigkeit, dass so eine Einkaufs- quelle für den täglichen Bedarf fußläufig oder mit dem Fahrrad zu erreichen ist.

Aber wie so oft, wenn etwas zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist, vergisst man leicht, dass im Grunde gar nichts selbstverständlich ist, sondern dass hinter allem ein gehöriges Stück Arbeit steckt und dass es oft das Engagement Weniger ist, das die Dinge am Laufen hält. (Das gilt im Übrigen für alle Vereinsarbeit und alle sozialen Einrichtungen, die auf Ehrenamtliche angewiesen sind.) Außerdem ist es immer wieder gut, sich daran zu erinnern, was man denn an den Dingen hat, die einem so selbstverständlich geworden sind.

Viele Leute haben sich daran gewöhnt, so einzukaufen: Sich ins Auto setzen und viele Kilometer weit in einen der großen unpersönlichen Einkaufsmärkte fahren; vor Regalen mit Dutzenden gleichartiger Artikel stehen und nicht wissen, ob das Billigste auch das Günstigste ist; mit einem über- vollen Einkaufswagen in langen Schlangen an der Kasse anstehen; mit niemandem ein persönliches Wort wechseln können, einen Vormittag vertun und am Ende – weil man den Verlockungen der vielen Sonderangebote nicht widerstehen hat können, deutlich mehr Geld als geplant ausgegeben hat? Ist es denn nicht schöner, kommunikativer, beque- mer, zeitsparender, umweltfreundlicher, so einzukaufen: Nicht schon eine Woche vorausdenken und lange Einkaufszettel schreiben müssen, sondern dann kurz in den Schlossmarkt gehen und das einkaufen, was man braucht, wenn man’s braucht und wo man einen kennt und man begrüßt wird und das Bedienpersonal von sich aus mitteilt, dass der Käse, den man regelmäßig kauft, nächste Woche im An- gebot ist und man das alles in einer Viertelstunde erledigt hat, einen kurzen Raatsch mit eingeschlossen?

Darf man den Schlossmarkt als Dorfladen bezeichnen? Auch wenn Windach vielleicht kein Dorf mehr im herkömmlichen Sinne ist, die Dinge, die ein lebendiges Gemeindeleben bewir- ken, sind alle da: die Kirche, die Schule, der Kindergarten, die Wirtschaft, der Metzger, der Bäcker, der Friseur, der Sport-und der Musikverein, der Doktor, (leider nicht mehr die Apotheke,) aber sogar die Post – ja und natürlich der Lebensmittelladen, der Schlossmarkt. (Alle weiteren Einrichtungen und Geschäfte, die in dieser Aufzählung fehlen, bitte ich um Nachsicht. Auch sie bereichern natürlich das Ortsleben.)

Ja, der Schlossmarkt ist ein Dorfladen, weil er für die Menschen des Orts da ist und weil er von Menschen aus dem Ort betrieben wird. Weil sich mehr als 350 Bürger, überwiegend aus dem Ort, zu einer Genossenschaft zusammengetan haben und das Startkapital von über 80.000 € aufgebracht haben. Weil das Sortiment auf die Wünsche und Bedürfnisse der Dorfbewohner ausgerichtet ist und weil er letztlich getragen wird von den Kunden aus Windach und seinen Ortsteilen (wir wollen keinesfalls die Schöffeldinger, Hechenwanger, Steinebacher vergessen oder hintanstellen, aber auch nicht die Eresinger, die uns herzlich willkommen sind). Und da sieht man auch schon den Unterschied zu herkömmlichen Dorfläden. Weil Windach eben schon ein großes Dorf ist mit vielen Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Lebensart, bietet der Schlossmarkt ein Sortiment, das diesen unterschiedlichen und weitreichenden Bedürfnissen Rechnung trägt: Von den besonders günstigen „Jeden Tag“-Produkten bis zum wertvollen Barolo, die bekannten Markenprodukte, aber auch viele regionale Spezialitäten, Bio-Produkte in großer Auswahl, natürlich Obst und Gemüse täglich frisch und immer wieder Besonderheiten in der Käse- und Wursttheke und Selbstgemachtes aus der eigenen Schmankerlküche. Insgesamt eine Auswahl aus über 5000 Artikeln! Dazu kommen noch ein Photoservice, eine Reinigungsannahme, einen Paketshop von Hermes sowie eine Lotto-Annahmestelle. Außerdem ist ein Backshop und ein kleines Café in den Laden integriert. Das ist doch kein Dorfladen mehr, das ist doch ein Supermarkt. Nein, der Schlossmarkt ist ein Dorfladen, aber eben ein besonderer: unser Dorfladen.

Wer hätte das gedacht, als sich das Häuflein Engagierter, aus dem dann die BILO, die „Bürgerinitiative Lebendiger Ortskern“ entstand, aufmachte und sich dafür einsetzte, dass aus dem programmatischen Namen auch tatsächlich konkretes Handeln wurde? Von Bürgern für die Bürger. Eben: Ein Dorf hilft sich selbst. Das ist Gemeinschaft im besten Sinn.

Nicht vergessen sollte man auch die in diesem Fall positiven Nebenwirkungen: Wenn man davon ausgeht, dass drei Einkäufe im Schlossmarkt eine Fahrt nach außerhalb zum Einkaufen erspart, ergibt das pro Jahr rd. 33.000 ersparte Auto- fahrten, d.h. rd. 400.000 km (Schondorf) bis 850.000 km (Landsberg), die nicht zum Einkauf von Lebensmitteln aufge- wendet werden müssen. Sehr gut für die Umwelt. Einen stattlichen Betrag an Spritkosten gespart. Und auch viel Zeit, die man sinnvoller nutzen kann.

Aber: Der Schlossmarkt funktioniert nur, weil er mit einer Menge ehrenamtlichen Engagements geführt wird. Der kleine Kreis der Aktiven ersetzt letztlich eine bezahlte Führungskraft. Nur so ist es möglich, dass der Schlossmarkt seine Waren und seine Services zu handelsüblichen, akzeptablen Preisen anbieten kann.

Nur mit diesem ehrenamtlichen Engagement ist es auch möglich, dass der Schlossmarkt nach ein paar erfahrungsreichen Anfangsjahren mit Verlusten Jahr für Jahr einen kleinen Gewinn erzielt – und damit seinen Mitgliedern, aber auch der Bevölkerung Windachs bestätigt, dass die Entscheidung für den Schlossmarkt als Genossenschaft richtig und wichtig war.

Dass es den Schlossmarkt gibt, ist also alles andere als selbstverständlich. Es bleibt nur das Selbstverständlichste von der Welt, wenn für alle Windacher es als selbstverständlich gilt:

„Einkaufen wo man zuhause ist.“

Gerhard Altschäffl